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Baumkronenbeobachter
Der Baumkronenbeobachter ist ein stiller Beobachter der Waldnacht, selten gesehen, aber oft spürbar. Hoch oben in den Zweigen sitzend, beobachtet er mit seinen unblinzelnden goldenen Augen, die selbst den schwächsten Mondschein reflektieren und dadurch heller erscheinen, als sie eigentlich sind.
Was den Baumkronenbeobachter auszeichnet, ist seine Stille. Er bewegt sich lautlos – kein Rascheln der Blätter, kein Bewegen der Äste, nichts, was seine Anwesenheit verrät. Wanderer, die nachts unter dem Blätterdach unterwegs sind, berichten oft von dem beunruhigenden Gefühl, beobachtet zu werden, nur um dann kurz aufzublicken und einen flüchtigen Blick auf leuchtende Augen zu erhaschen, bevor diese verschwinden.
Der Baumkronenbeobachter scheint ein unheimliches Gespür für seine Umgebung zu haben. Er bemerkt Bewegungen lange vor anderen und verfolgt Raubtiere wie Beutetiere mit gleichem Interesse. Manche glauben, es diene als eine Art stiller Wächter, der über das nächtliche Gleichgewicht des Waldes wacht. Trotz seines unheimlichen Rufs ist das Baumkronenbeobachter nicht gefährlich. Es zeigt wenig Interesse an direkter Interaktion und sucht sich einfach einen anderen Platz, wenn man sich ihm nähert. Sein plötzliches Erscheinen – und ebenso plötzliches Verschwinden – hat jedoch schon so manchen Nachtwanderer erschreckt und ihm den Ruf eines Omen oder Geistes eingebracht. Ob es nur beobachtet oder urteilt, ist unklar, aber eines ist sicher: Wenn das Baumkronenbeobachter zuschaut, ist man in der Dunkelheit nie wirklich allein.